Wider Angst und Adrenalin: Implantieren in Zeiten von Corona

von Prof. Dr. Dr. Knut A. Grötz, Wiesbaden; PrÀsident des DGI e.V.

Der Virologe Prof. Dr. Christian Drosten, CharitĂ© Berlin hat uns sehr frĂŒh die Eckpunkte zur BewĂ€ltigung dieser Pandemie an die Hand gegeben:

  1. Es ist eine Durchseuchung von 70 % der Bevölkerung zu erwarten (also deutlich ĂŒber 55 Millionen VirustrĂ€ger in Deutschland!) bis eine HerdenimmunitĂ€t eintritt.

  2. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit dieser Infektion muss verlangsamt werden, weil unser stationĂ€res Gesundheitswesen sonst mit der rasant wachsenden Zahl schwerer VerlĂ€ufe hoffnungslos ĂŒberfordert wĂ€re.

  3. Wirksamstes Mittel dafĂŒr ist die Vermeidung von Tröpfcheninfektionen bei zwischenmenschlichen Kontakten.

 

Ab sofort steht uns ein Kompendium mit Standardvorgehensweisen für Zahnarztpraxen wĂ€hrend der Coronavirus-Pandemie des Instituts der Deutschen ZahnĂ€rzte zur VerfĂŒgung, das beispielsweise auch von meiner LZÄK (Hessen) sowie anderen ZÄK zur VerfĂŒgung gestellt wird  https://www.idz.institute/fileadmin/Content/Publikationen-PDF/IDZ_SARS-CoV-2_Standardvorgehensweise_ZAP_2020-03-30.pdf

 

Die logische und unabdingbare Konsequenz dieser Aspekte ist, dass uns dieses Szenario ĂŒber viele Monate begleiten wird. Darum ist schon jetzt klar, dass sehr bald nach dem sogenannten Shut Down eine schlaue Strategie entwickelt werden muss, welche AktivitĂ€ten des öffentlichen Lebens gefĂŒhlt „auf Dauer“ (also viele Monate) ausgesetzt bleiben mĂŒssen, und welche schrittweise wieder zur NormalitĂ€t zurĂŒckgefĂŒhrt werden können.

 

Die Situation der stationÀren Versorgung

In Kliniken werden derzeit elektive Eingriffe unterlassen, um die Valenzen fĂŒr die Versorgung schwer erkrankter Patienten mit COVID-19 zu vervielfachen. Das ist eine richtige Entscheidung, da alle Bereiche eines Krankenhauses (Betten, BeatmungsplĂ€tze, Personal etc.) auf den kommenden Tsunami vorbereitet werden mĂŒssen.

Hinzu kommt, dass eine Klinik auch ein öffentlicher Raum ist, in dem sehr viele Menschen mit vergleichsweise engem Kontakt zusammenkommen. Dabei besteht ein erheblicher Gradient der Infektionsvermeidung, von „maximal“ im aseptischen OP einerseits bis zu (bislang) „gar nicht“ in der Eingangshalle, in der ohne Schutzmaßnahmen viele unterschiedliche Menschen (gehfĂ€hige Patienten, wechselnde Besucher, Klinikangestellte etc.) aufeinandertreffen. Damit ist klar, dass sich die Strukturen stationĂ€rer Versorgung langfristig (evtl. sogar dauerhaft) verĂ€ndern.

 

Trotz all dem gilt auch im Zenit der Krise, dass die Versorgungsbreite nicht nur auf die akut lebensbedrohlichen NotfĂ€lle (Myocardinfarkt, Apoplex etc.) und UnfĂ€lle (Traumatologie) zurĂŒckgefahren wird, sondern auch sogenannte „nicht aufschiebbare“ Therapien (Onkologie, Infektionen, akut symptomatische Patienten) weiterhin erfolgen.

 

Die Situation in der ambulanten Zahnmedizin

Alle diese Aspekte sind sehr wichtig, wenn es um die ambulante Zahnheilkunde und speziell um die Implantologie geht. Drei Fragen und angemessene Antworten darauf sind hier von zentraler Bedeutung:

  1. Schaden wir unseren Patienten?

  2. Gehen wir ein unkalkulierbares Risiko fĂŒr das Behandlerteam ein?

  3. Darf in der ambulanten Implantologie in diesen Zeiten ĂŒber wirtschaftliche Aspekte gesprochen werden?

 

Ad 1: Der (vor der Corona-Krise) stattgefundene Paradigmenwechsel von der „implantologischen Kontraindikation“ der 1990er Jahre, der ganze Patienten-Kollektive betraf, zur „personalisierten Implantologie“ der Jetztzeit, hilft uns bei der Beantwortung dieser Frage.

Es wĂ€re sicherlich leicht, verschiedene Szenarien aufzuzeigen, bei denen wir durch Implantation bzw. Unterlassen der Implantation dem jeweiligen Patienten schaden können. Von zentraler Bedeutung ist dabei – und dies ist wirklich neu in der aktuellen Situation – beispielsweise die potenzielle GefĂ€hrdung durch den Hin- und RĂŒck-Weg der Patienten von zuhause in die Klinik und durch den Aufenthalt in unseren Wartebereichen. An diese Aspekte denken wir normalerweise unter dem Aspekt „Risikopatient“ nicht!

 

  • Ein passendes Szenario: Bei einem Covid19-Risikopatienten (höheres Alter, bestehende Grunderkrankung, MultimorbiditĂ€t) besteht die medizinische Indikation fĂŒr eine komplexe Augmentation (fĂŒr eine zweizeitige Implantation), mit einigen (bis vielen) ambulanten Kontrollterminen. Hier erschließt sich sofort, dass dieser Eingriff eher auf „die Zeit nach dem Sturm“ zu verschieben ist!
  • Ein anderes Szenario: Bei Z.n. erfolgreich behandelter Parodontalerkrankung und Verlust eines distalen BrĂŒckenpfeilers sowie temporĂ€rer Versorgung durch eine langzeitprovisorische FreiendbrĂŒcke steht im Zenit der spontanen Ossifikation und Kortikalisierung die Implantation an. Eine Verschiebung dieses Eingriffs geht mit diversen Risiken fĂŒr den Patienten einher – von Prognoseverschlechterung der mesialen Restbezahnung bis Involutionsatrophie des Implantatlagers. Hier spricht mehr fĂŒr die Implantation als sicher prognostisch planbare Maßnahme, als dagegen. Im Gegensatz zu frĂŒher werden wir diesen Patienten jetzt neben den ĂŒblichen perioperativen AufklĂ€rungsinhalten auch Tipps fĂŒr den Hin- und RĂŒck-Weg (Mund-Nasen-Schutz in öffentlichen Verkehrsmitteln etc.) an die Hand geben und – natĂŒrlich – die aktuell sowieso unabdingbare Sorgfalt im Anmelde- und Wartebereich (Abstand!!!) walten lassen.

 

Ad 2: Wegen des unmittelbaren Kontaktes zum Gesicht des Patienten und dem somit beruflichen Risiko einer Tröpfcheninfektion tragen ZahnÀrzte, MKG-Chirurgen, HNO- und AugenÀrzte (inklusive des jeweiligen Behandlerteams) ein deutlich erhöhtes Infektionsrisiko.

Gefahr löst einen Fluchtreflex aus. Deshalb ist das emotionelle Begleitszenario in der Erörterung dieser Frage mehr als verstĂ€ndlich. Dennoch: Zu viel Adrenalin ist manchmal nicht der richtige Ratgeber bei Prozessen der Entscheidung. Die besonnene Analyse der wissenschaftlichen Daten von Prof. Dr. Zhuan Bian, dem Dekan der School of Stomatology von der UniversitĂ€t Wuhan, die im Dialog mit Prof. Dr. Dr. Bilal Al-Nawas (Mainz) und Prof. Dr. Frank Schwarz (Frankfurt/Main) sowie weiteren Wissenschaftlern im DGI-Webinar (https://www.dgi-fortbildung.de/video-covid-19) erfolgt ist, lĂ€sst – auch in Verbindung mit den Hinweisen des Instituts der Deutschen ZahnĂ€rzte folgende vorsichtige Schlussfolgerung zu:

Je genauer wir das tatsĂ€chliche Risiko einschĂ€tzen können und je mehr wir angepasst die individuell richtigen Sicherheitskautelen fĂŒr das ganze Team wahrnehmen, desto sicherer kann eine Virus-Übertragung vermieden werden.

Diese Schlussfolgerung unterscheidet sich markant von polarisierenden Statements von „weiter wie bisher!“ bis „Schließung aller Praxen!“.

 

Ad 3. Das Szenario um den Ski-Ort Ischgl hat uns alle aufgerĂŒttelt. Von Tag zu Tag verdichtete sich der Eindruck, dass aus rein kommerziellen GrĂŒnden (Gewinnsucht!) hier das Risiko einer sich vielfach multiplizierenden Ausbreitung ĂŒber ganz Europa in Kauf genommen wurde.

Vor diesem Hintergrund fĂ€llt es besonders schwer, öffentlich ĂŒber finanzielle Aspekte im Gesundheitswesen zu reden. Andererseits wird die polarisierende Forderung zur Schließung aller Zahnarztpraxen gerne unmittelbar mit der Forderung nach einem vollumfĂ€nglichen finanziellen Ausgleich verknĂŒpft. Auch in dieser Thematik sind Angst und Adrenalin Wegbegleiter der Diskussion.

 

Folgende Aspekte sind hier wichtig

Wenn wir uns verhalten wie unter Punkt 2 beschriebenen, ist die Zahnarztpraxis bezĂŒglich der Pandemie-Ausbreitung ein vergleichsweise sicherer Ort. Wir mĂŒssen uns nur an die Regeln halten, vielleicht alte Gewohnheiten dabei aufgeben und nicht beispielsweise 40 wechselnde Patienten fĂŒr eine Stunde in ein enges Wartezimmer pferchen.

 

Wird die zahnĂ€rztliche Therapie insgesamt und individualisiert angepasst – Vermeidung von Aerosolen, Handinstrumente statt Ultraschall bei der PZR etc. –, kann die zahnĂ€rztliche Grundversorgung aufrecht erhalten werden. Im Dialog mit Schwerpunkteinrichtungen kann auch die sachgerechte Behandlung von SARS CoV-2-positiven Patienten erfolgen.

 

ZurĂŒck zur Implantologie: Wenn wir unsere Gedankenwelt weg von der Idee „ich setze ein Implantat“ hin zu der Überzeugung „ich nehme eine kaufunktionelle Rehabilitation vor“ bewegen oder bereits bewegt haben, beantwortet sich die Frage „Implantieren wir aus kommerziellen GrĂŒnden?“ von selbst.

 

Ein Zitat von Max Frisch lautet (sinngemĂ€ĂŸ): „Krise ist Chance, man muss ihr nur den Touch der Katastrophe nehmen“. In diesem Sinne sollte sich die ZahnMedizin und alle ZahnÄrztinnen und ZahnÄrzte, in dieser Zeit an den gerne groß geschrieben Mittelbuchstaben halten. Auch wenn uns das Adrenalin in den Adern noch so gerne den Gedanken einer radikalen Lösung nahelegt, sind wir gut beraten, weiterhin den Weg einer individualisierten und personalisierten Medizin im Bereich von Zahnmedizin und Implantologie zu beschreiten. Also: es besteht keine grundsĂ€tzliche Kontraindikation aus wissenschaftlichen BeweggrĂŒnden!

Mitteilung der DGI vom 02. April 2020

 

 

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