01.12.2017·Implantologie Ein Implantat zur Befestigung der Totalprothese? Studie bestätigt das umstrittene Konzept

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Ein Implantat zur Befestigung der Totalprothese? Studie bestätigt das umstrittene Konzept

von Wolfgang Schmid, Schriftleiter ZR ZahnmedizinReport, Berlin

| Mit seinem Konzept, eine Totalprothese im zahnlosen Unterkiefer mit nur einem mittig eingesetzten Implantat zu befestigen, machte sich der Kieler Zahnmediziner Prof. Dr. Matthias Kern nicht nur Freunde: Die Implantathersteller haben meist kein Interesse, dass in Zukunft weniger Implantate verwendet werden. Auch ein Teil der Kollegen stand und steht einem solchen Therapiekonzept für Senioren kritisch gegenüber. Insgesamt zeigen die vorliegenden Studien aber eine sehr gute Bewährung des mittigen Einzel-implantats im zahnlosen Unterkiefer, sofern man moderne Implantatoberflächen verwendet und auf eine Sofortbelastung verzichtet wird. |

Die Standardtherapie ‒ für viele Patienten zu teuer

„Vor allem im zahnlosen Unterkiefer sind Halt und Funktion von Totalprothesen, die nicht verankert werden, häufig unbefriedigend und können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen“, erläutert Prof. Kern. Deshalb gilt heute eine auf zwei Implantaten verankerte, abnehmbare Zahnprothese als Standardtherapie des zahnlosen Unterkiefers. Doch diese Standardtherapie oder weitergehende Versorgungen wie das All-on-four®-Konzept mit vier Implantaten werden im Rahmen der GKV in Deutschland nicht bezahlt. Der finanzielle Aufwand schließt viele Patientinnen und Patienten aus. Trotz aller Erfolge in der Prävention von Zahnerkrankungen ist immer noch ein hoher Anteil der 65- bis 74-Jährigen in Deutschland in einem oder beiden Kiefern zahnlos.

 

Um Kosten und Aufwand der Implantation im zahnlosen Kiefer von Senioren zu verringern, untersuchten Kern und Kollegen in einer multizentrischen Studie, ob die Verankerung einer Totalprothese über ein einzelnes zentrales Implantat in der Unterkiefermitte eine sinnvolle Alternative darstellen kann. Dabei wird die abnehmbare Zahnprothese mittels Druckknopfverankerung am Unterkiefer fixiert. Das Implantat (3,8 x 11 mm Promote Plus®/Camlog) wurde in der Mitte des Unterkiefers minimalinvasiv inseriert.

Vorläuferstudien zeigten gute Prognosen

Das Konzept ist nicht neu: Vor 20 Jahren wurde erstmals die Verwendung eines einzelnen mittigen Implantats zur Verankerung unterer Totalprothesen bei älteren zahnlosen Patienten beschrieben. Seitdem wurde das nicht unumstrittene Therapiekonzept in verschiedenen klinischen Studien getestet. Prospektive, aber nicht randomisierte Studien mit einem Implantat im zahnlosen Kiefer zeigen eine gute klinische Bewährung über bis zu fünf Jahre [Cordioli et al., 1997; Krennmair & Ulm, 2001; Liddelow & Henry, 2007; Wolf et al., 2009]. Eine erste randomisierte kanadische Studie zum Vergleich von einem versus zwei Implantaten im zahnlosen Unterkiefer zeigte nach einem Jahr Tragezeit der Deckprothesen keine Unterschiede zwischen den beiden Patientengruppen [Walton et al., 2009].

Große Studie bestätigt die Erwartungen

Die weltweit größte Studie zu diesem Thema wurde von der DFG mit insgesamt rund 945.000 Euro unterstützt. Die aktuellen Ergebnisse dieser Studie wurden jetzt im Journal of Dental Research, einer der hochkarätigsten zahnmedizinischen Fachzeitschriften, publiziert. [1] Ziel dieser randomisierten, kontrollierten klinischen Studie war: Über den Zeitraum von 24 Monaten sollte untersucht werden, ob das Überleben eines einzelnen Medianimplantats, das in den zahnlosen Unterkiefer für den Halt einer vollständigen Prothese eingesetzt wird, durch Sofortbelastung nicht beeinträchtigt wird.

 

Sekundäre Ergebnisse waren prothetische Komplikationen bei den Belastungsprinzipien. Jeder der 158 Patienten, die ein Implantat erhielten, wurde zufällig der Sofortbelastungsgruppe (n = 81) oder der verzögerten Belastungsgruppe (n = 77) zugeordnet. Die Recall-Besuche wurden einen Monat nach der Implantatinsertion ‒ nur für die Gruppe mit verzögerter Belastung ‒ und bis zu 24 Monate nach der Implantatbelastung durchgeführt.

Sofortbelastung nur in Ausnahmefällen anwenden

Neun Implantate scheiterten in der Sofortbelastungsgruppe ‒ und zwar alle innerhalb der ersten drei Monate nach Implantatbelastung. Ein Implantat ging in der Gruppe mit verzögerter Belastung verloren. In Übereinstimmung mit diesem Ergebnis ergab eine Sekundäranalyse mit dem exakten Fisher-Test, dass der beobachtete Unterschied zwischen den Behandlungsgruppen statistisch signifikant war. Die häufigsten prothetischen Komplikationen und Erhaltungseingriffe im Unterkiefer waren Retentionsanpassungen, Prothesenbrüche, Druckgeschwüre und Matrixaustausch. Nur ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen ergab sich bezüglich des Parameters „Bruch der Prothesenbasis im Kugelaufsatzbereich“.

 

Die Ergebnisse zeigen, dass die Sofortbelastung eines einzelnen Implantats im zahnlosen Unterkiefer eine geringere Überlebensrate aufweist als die verzögerte Belastung und nur in Ausnahmefällen berücksichtigt werden sollte.

Wie verankert man die Prothese?

Der Charme des Kern‘schen Konzepts ist es, dass man eine vorhandene Totalprothese nutzen und diese mit geringem Aufwand zu einer implantatgetragenen Prothese umbauen kann. Besonders geeignet erscheinen hierzu Druckknopfverankerungen, weil sich diese relativ einfach in eine vorhandene Prothese einarbeiten lassen. Sie werden in den unterschiedlichsten Ausführungen angeboten. In einer eigenen Laborstudie wurden hierzu die Abzugskräfte sowie das Verschleißverhalten von unterschiedlich konfektionierten Druckknopfverankerungen unter Langzeitbeanspruchung untersucht. [Wolf et al., 2009].

 

Nach 50.000 Füge- und Lösezyklen zeigten die Verankerungselemente deutlich unterschiedliche Abnutzungserscheinungen. Das Dalbo-Plus® Elliptic-Matrizensystem erwies sich dabei verschleißfester als die übrigen getesteten Verankerungselemente. Es wurde deshalb in der Studie genutzt. Verklebt wurde das Kugelkopfsystem in die existierende Totalprothese mit LuxaPick-up®/DMG.

Patienten sind zufrieden

„Die bisherigen Studienergebnisse weisen darauf hin, dass diese Methode auch nach einem Zeitraum von fünf Jahren zu einer Verbesserung der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität und der objektiven Kaufunktion führt0“, sagt Prof. Kern.

 

Auch Dr. Sonia Mansour M. Sc. (Berlin) hat sich in einer Untersuchung mit diesen Fragen beschäftigt: 20 Patienten wurden nach einer Totalextraktion mit jeweils einem Implantat im Unterkiefer versorgt. Die Patienten wurden vor dem Eingriff sowie bis zu zwölf Monate danach zu ihrer Zufriedenheit befragt. Das Ergebnis: Es war signifikant erkennbar, dass die Zufriedenheit der Patienten nach ihrer Implantation stetig zunahm ‒ der Tragekomfort der Unterkieferprothese verbesserte sich.

 

PRAXISHINWEIS | Die Therapie mit einem zentralen Implantat im anterioren Unterkiefer älterer Patienten zur Verbesserung der Retention von Totalprothesen zeigt vielversprechende Ergebnisse. Sie sollte dann erwogen werden, wenn aus finanziellen oder sonstigen Gründen zwei oder mehr Implantate nicht angewendet werden können.

 

Weitere Forschungen mit drei Implantaten

In einer neuen Studie wollen die Zahnmediziner am Campus Kiel jetzt erforschen, wie effektiv eine Vollprothese im Unterkiefer durch zusätzliche Zahnimplantate verankert werden kann. Im Rahmen der Studie erhalten die Patienten in einem chirurgischen Eingriff drei Implantate im Unterkiefer. Anschließend wird die Vollprothese zunächst an einem Implantat befestigt, nach drei Monaten an zwei Implantaten und nach einem halben Jahr an allen drei Implantaten. Die teilnehmenden Patienten erhalten die Versorgung zu deutlich vergünstigten finanziellen Bedingungen.

 

Informationen und Anmeldung: Dr. Nicole Passia, E-Mail: npassia@proth.uni-kiel.de, Tel. 0431 500-26401 oder -26402 (Sekretariat).

 

Quelle

  • [1] Kern M et al. Survival and Complications of Single Dental Implants in the Edentulous Mandible Following Immediate or Delayed Loading: A Randomized Controlled Clinical Trial. Journal of Dental Research 2017; online 18.10.2017.
  • [2] Fortbildungstag der Landeszahnärztekammer Sachsen; Chemnitz, 20. – 21. Oktober 2017.

 

Volltext der Studie

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