27.04.2018·Kongressbericht 3D-Kollagen-Gewebematrix ‒ eine Alternative zu palatinalen Bindegewebstransplantaten!

·Kongressbericht

3D-Kollagen-Gewebematrix ‒ eine Alternative zu palatinalen Bindegewebstransplantaten!

von Wolfgang Schmid, Schriftleiter ZR ZahnmedizinReport, Berlin

| Das palatinale Bindegewebstransplantat (BGT ‒ engl.: connective tissue grafts) ist ein Standardtransplantat der Parodontalchirurgie zur Weichgewebsaugmentation am Alveolarkamm. Die Weichgewebstransplantation ist eine zuverlässige Maßnahme und wurde sowohl aus der plastischen MKG-Chirurgie als auch aus der Parodontologie für den Einsatz an Implantaten erfolgreich übernommen. Auf dem ITI-Kongress in Bonn wurden Alternativen zum Bindegewebstransplantat diskutiert. |

Neurosensorische Dysfunktionen nach BGT-Entnahme

Die Entnahme von subepithelialen Bindegewebstransplantaten vom Gaumen gilt als etabliertes Standardverfahren. Transplantiert wird das subepitheliale Bindegewebe. Im Bindegewebe ist die genetische Information des darüberliegenden Epithels gespeichert. Dies wird bei der Verwendung des BGT genutzt: Das vom BGT abgelöste Epithel bildet sich im Heilungsverlauf neu.

 

Das Transplantat wird palatinal entnommen, transplantiert und übernimmt an der Empfängerregion funktionelle und ästhetische Aufgaben. Die wissenschaftliche Datenlage zeigt auf, dass Entnahmemorbidität und Entnahmekomplikationen relevante klinische Probleme darstellen.

 

Dr. Michael Rothermel quantifizierte an der Universität Würzburg neurosensorische Dysfunktionen nach BGT-Entnahme am Gaumen. Bei 30 Patienten wurden nach BGT-Entnahme im Spendergebiet (Testseite) und auf der kontralateralen Seite (Kontrollseite) verschiedene neurosensorische Testungen standardisiert durchgeführt. Zusätzlich wurde die Patientenzufriedenheit durch einen Fragebogen evaluiert.

 

Nach Auswertung der erhobenen Daten konnten für die Minimale-Zwei-Punkt-Diskrimination, die Soft-Touch-Wahrnehmung, für den Spitz-Stumpf-Test und die Temperatur keine signifikanten Änderungen festgestellt werden. Allerdings gab annähernd ein Viertel der Patienten eine Taubheit der Spenderregion an.

Vestibulumplastik mit einer 3D-Kollagenmatrix

Nach aktuellen Studien lässt sich das Weichgewebe sowohl durch autologe Bindegewebstransplantate als auch durch Weichgewebeersatz gleichermaßen verdicken und die Höhe der keratinisierten Gingiva vermehren.

 

Eine aus porciner Dermis hergestellte stabile dreidimensionale Kollagenmatrix kann dank Vermeidung einer autologen Weichgewebeentnahme ‒ mit den einhergehenden Schmerzen und der assoziierten Entnahmestellenmorbidität ‒ die Patientenakzeptanz erhöhen. Doch wie sieht es mit der Einheilung und der resultierenden Ästhetik aus?

 

An der Universität Mainz testeten PD Dr. Dr. Peer W. Kämmerer und Kollegen eine porcine 3D-Kollagen-Gewebematrix (Mucoderm®) zur Erzeugung von periimplantärem fixiertem Weichgewebe. Sie verglichen in einer prospektiven randomisierten klinischen Studie bei 40 Patienten (vestibulär fixierte Gingiva von <1 mm) Vestibulumplastiken unter Verwendung der MX (n = 20), Gaumentransplantaten (GTR) oder extraoraler Spalthaut (ES). Verglichen wurden bei einer Nachsorgezeit von bis zu 2,5 Jahren das Heilungsmuster, der Gewinn an fixierter Gingiva, die Schrumpfung und die Ästhetik.

 

Bei Mucoderm® kam es initial zu einer Exsudation bei Stabilisierung nach rund neun Tagen. lm Gegensatz hierzu war die postoperative Einheilungsphase in der GTR- und ES-Gruppe stabiler. Zur Abschlussuntersuchung zeigte sich ein mittlerer Gewinn an fixierter Gingiva von 2,5 mm (MX), 3,2 mm (GTR) und 2,1 mm (ES). Die Schrumpfung war mit 36 Prozent in der Mucoderm®-Gruppe am größten (25 Prozent bei GTR und Spalthaut).

 

Vorteile gab es bei der Ästhetik in der Mucoderm®-Gruppe: Hier zeigte sich neues Gewebe, das keinen Unterschied zur lokalen Gingiva aufwies, während die ästhetischen Unterschiede in der GTR-Gruppe gering und in der ES-Gruppe klar erkennbar waren.

 

In situ zeigten histologische und ultrastrukturelle Untersuchungen nach 14 Tagen in einer anderen Untersuchung einen nahezu vollständigen Reifeprozess. In den neu gebildeten Geweben waren zu keinem Zeitpunkt Reste der Kollagenmatrix nachweisbar. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die 3D-Kollagenmatrix in der frühen Phase der Wundheilung eine indirekte Rolle zu spielen scheint, indem sie das neu gebildete darunterliegende Gewebe schützt und den Epithelisierungsprozess steuert.

Modifikation mit EMD oder PRF verbessert die Ergebnisse

Prof. Dr. Dr. h.c. Adrian Kasaj, M.Sc (Universität Mainz) konnte in einer aktuellen Studie zeigen, dass die Modifikation von Mucoderm® mit einem Schmelzmatrix-Derivat (EMD) oder mit plättchenreichem Fibrin (PRF) ein nützlicher Ansatz sein könnte, die klinischen Ergebnisse zu verbessern. Dies könne Entzündungsreaktionen und Wundheilungsstörungen verhindern und das klinische Anwendungsgebiet der Kollagenmatrix erweitern, so Kasaj.

 

PRAXISTIPP | Unter Berücksichtigung der größeren Schrumpfungstendenz stellt eine 3D-Kollagen-Gewebematrix bei vorteilhaften ästhetischen Ergebnissen und ohne Entnahmemorbidität eine sinnvolle Alternative zu autologen Transplantaten bei der periimplantären Vestibulumplastik dar.

 

Quelle

  • Eine Literaturliste finden Sie im Online-Archiv (pi.iww.de) unter diesem Beitrag.

%d Bloggern gefällt das: