Vitamin D und Implantologie: Was sagt die neue Leitlinie?

Der Nutzen einer Vitamin-D-Supplementierung wird von Fachgesellschaften und Verbraucherorganisationen oft kontrovers diskutiert – nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Zahnmedizin. Darum haben Expertinnen und Experten von 23 Fachgesellschaften und Organisationen bei einer Leitlinienkonferenz der DGI die Relevanz der Bestimmung und Supplementierung von Vitamin D auf die Implantatprognose und Augmentationschirurgie auf den Prüfstand der Wissenschaft gestellt. Federführende Fachgesellschaften waren dabei die DGI und die DGZMK.

Das Ziel der Leitlinie ist eine Entscheidungshilfe für oder gegen eine Vitamin D-Bestimmung und -Supplementierung vor beziehungsweise während oder nach der den Kieferknochen betreffenden Therapie, insbesondere bei Implantationen, Augmentationen und bei einem generellen Verdacht auf einen gestörten Kieferknochenstoffwechsel.

Die systematische Auswertung aktueller wissenschaftlicher Studien weist darauf hin, dass ein Vitamin D-Mangel den Erfolg implantologischer und augmentativer Eingriffe negativ beeinflussen könnte. Insbesondere werden ein verzögerter Knochenaufbau, eine reduzierte Stabilität von Implantaten sowie eine erhöhte Neigung zu periimplantären Infektionen beobachtet.

Dennoch ergibt die aktuelle Evidenzlage keine klare Indikation für eine routinemäßige, ungezielte Vitamin D-Bestimmung oder -Supplementierung vor oder nach entsprechenden Operationen. Stattdessen können Ärzte und Zahnärzte individuell bei anamnestisch vermutetem oder bereits diagnostiziertem Vitamin D-Mangel eine gezielte Vitamin D-Bestimmung und, bei Bedarf, -Supplementierung erwägen. Insbesondere bei unklaren Fällen von Implantat-Frühverlusten oder periimplantären Infektionen kann die Untersuchung des Vitamin D-Spiegels hilfreich sein. Eine adäquate Supplementierung könnte bei niedrigem Vitamin D-Spiegel präoperativ auch dazu beitragen, postoperative Entzündungen und Schwellungen zu reduzieren.

Zahnärztinnen und Zahnärzte sollten diese Erkenntnisse im Rahmen einer patientenindividuellen Empfehlung und Risikoabschätzung berücksichtigen, um die langfristige Stabilität und Gesundheit von dentalen Implantaten und augmentativen Maßnahmen bestmöglich zu unterstützen.

Aus den Empfehlungen

Literatur

  • In der Literatur finden sich Anhaltspunkte auf eine Reduktion der postoperativen Schwellung und Höhe der Entzündungsparameter nach Operation am Kieferknochen durch eine präoperative Vitamin D-Supplementierung.
  • In der Literatur finden sich Hinweise auf einen niedrigeren periimplantären Knochenabbau und eine höhere Implantatstabilität bei steigendem Vitamin D-Spiegel in den Normbereich.
  • In der Literatur finden sich Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Vitamin D-Mangel und dem Risiko einer Periimplantitis.

Diagnostik

  • Aus der Literatur leitet sich keine evidenzbasierte Indikation zur routinemäßigen, ungezielten Vitamin D-Bestimmung vor und nach Implantation ab.
  • Bei gesunden Patienten mit unklarer Ursache für einen Implantat-Frühverlust kann die Bestimmung des Vitamin D-Spiegels zum Ausschluss eines Vitamin D-Mangels erwogen werden
  • In der Literatur finden sich keine Hinweise darauf, dass eine präoperative Diagnostik der Vitamin D-Rezeptorpolymorphismen zu einer Reduktion der Implantatverlustrate führt.
  • Die Bestimmung der 25-Hydroxy-Vitamin D-Spiegel sollte nur in ausgewählten Fällen (z. B. V.a. Osteomalazie oder bei Enzym induzierender Antikonvulsiva Therapie) durchgeführt werden.
  • Wenn eine Bestimmung des Vitamin D-Spiegels in Frage kommt, kann die Durchführung entweder mit qualitätskontrollierten In-office-Finger-prick– Schnelltests oder qualitätskontrollierte Labortests erwogen werden.

Supplementierung

  • Die Vitamin D-Supplementierung soll, bei einer generell empfohlenen Tagesdosis von 800 IE Cholecalciferol, 2.000-4.000 IE Cholecalciferol nicht überschreiten
  • In der Literatur existieren Anhaltspunkte zum Zusammenhang zwischen Vitamin D und der Kieferknochenstruktur und -dichte. Daraus lässt sich jedoch keine Indikation zur routinemäßigen, ungezielten Vitamin D-Supplementierung, zum Erhalt der Kieferknochenstruktur und zur Erhöhung der Kieferknochendichte ableiten.

Aus der Literatur ergeben sich keine Nachweise einer Indikation zu einer routinemäßigen, ungezielten Vitamin D-Supplementierung vor oder nach der Durchführung von Kieferknochenaugmentationen.

[!] In allen Fällen gilt: Eine routinemäßige, ungezielte Vitamin D-Supplementierung zum Erhalt der Kieferknochenstruktur und zur Erhöhung der Kieferknochendichte sollte nicht erfolgen. Eine Vitamin D-Supplementierung kann bei Patienten mit Vitamin D-Mangel erwogen werden.

  • DGI, DGZMK: „Relevanz der Vitamin D-Bestimmung und -Supplementierung auf die Implantatprognose und Augmentationschirurgie“, Langfassung, Version 1.0, 2025, AWMF-Registriernummer: 083-055. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/083-055, (Zugriff am: 01.02.2026)