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27.02.2018·Praxisorganisation Betreuung und Führung chirurgischer Patienten: Einfühlungsvermögen und Kompetenz ist gefragt

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Betreuung und Führung chirurgischer Patienten: Einfühlungsvermögen und Kompetenz ist gefragt

von Marina Nörr-Müller, QMA (TÜV), Beratung und Training medizinischer Behandlungsteams, München

| Patienten, die vor einem chirurgischen Eingriff stehen, befinden sich in einer „Ausnahmesituation“. Sie haben Angst vor dem, was auf sie zukommt. Deshalb brauchen sie gute Betreuung, die darauf abzielt, Angst abzubauen. Der Patient muss professionell geführt werden, damit die einzelnen Phasen des Eingriffs und der Wundheilung durch richtiges Verhalten positiv beeinflusst werden. Der Umgang mit diesen Patienten erfordert daher besonderes Einfühlungsvermögen und Kompetenz. Damit befasst sich dieser Beitrag. |

Lange Wartezeiten vermeiden

Lange Wartezeiten oder Verzögerungen vor einem chirurgischen Eingriff verstärken Unruhe und Angst, die dann u. U. zu gesteigerter Nervosität und Angespanntheit führen. Das kann sich in unterschiedlichen Verhaltensweisen darstellen. Während manche Menschen eingeschüchtert reagieren, zeigt sich bei anderen die Angst in Form von Gereiztheit und bei langem Warten durchaus auch in Unmutsäußerungen. Deshalb muss die Organisation und Terminierung eines Eingriffs in erster Linie auf eine kurze Wartezeit abzielen.

 

Sollte es trotz guter Planung zu einer Verspätung kommen, muss es dem Patienten mitgeteilt werden. So kann er sich darauf einstellen oder ggf. noch einmal die Praxis verlassen und zu einem späteren Zeitpunkt wiederkommen. Sitzt der Patient bereits auf dem Behandlungsstuhl, sollten die Vorbereitungen zügig vonstatten gehen. In dieser Situation zeigt der Patient meist wenig Verständnis für unbegründete Verzögerungen des weiteren Verlaufs.

Ruhiges Umfeld und freundliche Betreuung

Hektisches Treiben verunsichert und wirkt besonders verstörend auf Patienten, die vor einem chirurgischen Eingriff stehen. Ängstliche Patienten reagieren sehr sensibel auf Geräusche. Bei Gesprächen im Hintergrund ist daher auf eine angemessene Lautstärke zu achten. Das gilt ebenso für laute Geräusche, die z. B. durch das Hantieren mit Instrumenten verursacht werden. Das Praxisambiente sollte deshalb so gestaltet sein, dass Patienten vor Nebengeräuschen ‒ z. B. durch geschlossene Türen ‒ möglichst abgeschirmt sind.

 

Auch das Verhalten des Personals übt einen großen Einfluss auf das Wohlbefinden des Patienten aus. Angespanntes und gestresstes Auftreten tragen nicht dazu bei, dass der Patient sich geborgen fühlt. Viel eher braucht er nun Freundlichkeit und Sachlichkeit sowie ein dem Rahmen angepasstes Mitgefühl. Hierbei sind die Tonlage und die Körpersprache des Personals entscheidend.

 

Wer unter großem Stress steht, neigt dazu, die Stimme anzuheben und in den Gesten ausladend zu sein. Dieses Verhalten fördert eher die Angst des Patienten, anstatt ihn zu beruhigen. Das Praxispersonal muss sich das im Umgang mit chirurgischen Patienten immer wieder vergegenwärtigen und ihnen mit ruhiger Stimme und beschwichtigenden Gesten entgegnen.

 

Das verlangt dem Praxispersonal viel ab. Denn während eine Operation für das OP-Personal eine Routine darstellt, ist es für den Patienten eine befremdliche Situation. Hinzu kommt, dass nicht alle Beschäftigten persönliche Erfahrungen als chirurgische Patienten haben und sich deshalb teilweise auch schwerer in die Lage des Patienten versetzen können. Alles an patientenbezogener Vorbereitung ‒ wie z. B. orale Antiseptik oder steriles Abdecken ‒ muss dem Patienten erklärt werden. In kurzer und sachlicher Form wird ihm erläutert, wie und warum die einzelnen Maßnahmen durchgeführt werden.

 

Ob ein Eingriff das gewünschte Ergebnis bringt, hängt nicht zuletzt auch vom Patienten selbst ab. Er kann durch sein Verhalten bzw. Mitwirken das OP-Ergebnis sowohl positiv als auch negativ beeinflussen. Deshalb braucht er eine professionelle Betreuung und Führung vor, während und nach der OP.

Aufklärung und Information des Patienten

In einem ausführlichen Beratungsgespräch erläutert der Operateur, welcher Eingriff durchgeführt werden soll und warum er überhaupt notwendig ist. Komplikationen und Risiken sowie eventuelle Behandlungsalternativen sind außerdem Bestandteil der präoperativen Aufklärung. Mit anderen Worten: Der Patient wird mit Informationen nahezu „überflutet“. Als Hilfestellung haben sich hierfür Aufklärungsbroschüren bewährt, die die bereits mündlich erteilten Auskünfte enthalten und mit grafischen Darstellungen die Abfolge des Eingriffs wiedergeben. Das gibt dem Patienten die Möglichkeit, das für ihn Entscheidende auch zu Hause nachlesen zu können.

 

Dennoch bleiben trotz umfangreicher Aufklärung für den Patienten oft noch Fragen offen. Diese manchmal wiederkehrend beantworten zu müssen, gehört zu den Aufgaben des Praxisteams. Patienten neigen dazu, sich die Auskünfte bei mehreren Mitgliedern des Praxisteams einzuholen. Daher ist es entscheidend, dass die Informationen von Person zu Person einheitlich erteilt werden. Unterschiede in der Beantwortung können den Patienten verunsichern bzw. einen unprofessionellen Eindruck hinterlassen.

 

Aus gesetzlicher Sicht müssen zwischen der Aufklärung und dem Eingriff mindestens 24 Stunden liegen. Dieses Intervall ist jedoch von Umfang und Komplexität des Eingriffs abhängig. Bei kleinen Routineeingriffen ‒ z. B. bei einer Zahnextraktion ‒ oder im Notfall kann die Aufklärung unmittelbar vor dem Eingriff erfolgen. Generell ist die Aufklärung eine ärztliche Tätigkeit, die nicht delegiert werden darf. Auch sollten bei der präoperativen Beratung Sachverhalte besprochen werden, die über die medizinische Thematik hinausgehen. Beispiel: die Begleitperson für den Heimweg. Patienten, die sich einer Behandlung unter Sedierung oder gar Narkose unterziehen, dürfen den Heimweg nicht unbegleitet antreten oder aktiv am Straßenverkehr teilnehmen.

 

Ist der Patient letztendlich entschlossen, den Eingriff durchführen zu lassen, gibt er sein schriftliches Einverständnis. Anderenfalls ist die Durchführung einer Operation aus gesetzlichen Gründen nicht möglich. Ausnahmen bilden auch hier wieder kleine Routineeingriffe oder Eingriffe in Notfallsituationen. Hierbei reicht es, wenn der Patient sich mündlich einverstanden erklärt.

Perioperative Betreuung

Auch während des Eingriffs braucht der Patient Aufmerksamkeit. Zuerst sollte er den Eindruck bekommen, dass er jetzt im Zentrum des Handelns steht, auch wenn er komplett unter der sterilen Abdeckung „verschwindet“. Motivierendes und lobendes Zureden wirken beruhigend und entspannend auf den Patienten. Private Gespräche innerhalb des OP-Teams sind unbedingt zu vermeiden. Störende Geräusche im Hintergrund beeinträchtigen nicht nur den Patienten, sie wirken sich auch negativ auf die Konzentrationsfähigkeit des OP-Teams aus. Das Abspielen von Hintergrundmusik sollte im Idealfall vor der OP mit dem Patienten abgestimmt werden.

Postoperatives Verhalten

In der postoperativen Phase bzw. der Wundheilungszeit ist das Verhalten des Patienten entscheidend. Dafür braucht er klare Instruktionen, die ihm aufzeigen, was zu tun oder zu vermeiden ist. Themen wie Ernährung, Pflege bzw. Kühlung der Wunde, Schwellungsprophylaxe und Schmerzbekämpfung stehen hier im Vordergrund und müssen mit dem Patienten detailliert besprochen werden. Eine schriftlich fixierte Verhaltensanweisung hilft ihm als Leitfaden, durch richtiges Verhalten die Wundheilung nicht zu gefährden.

 

Findet der Eingriff unmittelbar vor dem Wochenende statt, sollte der Patient einen Hinweis bekommen, an wen er sich wenden kann, wenn außerhalb der Praxisöffnungszeit Beschwerden auftreten. Ein Anruf der Praxis ‒ z. B. am Abend des Eingriffs ‒ wird vom Patienten oftmals als besonders guter Service empfunden und bringt der Praxis einen großen Bonus ein.

Nachsorgetermine

In jeder chirurgisch tätigen Praxis sollte der Grundsatz gelten: Kein Patient verlässt nach dem Eingriff die Praxis ohne Nachsorgetermin. Die Intervalle der Nachsorge legt jede Praxis individuell fest. Bei Routineeingriffen kommt der Patient meist erst zum Fädenziehen wieder. Handelt es sich hingegen um eine komplizierte Operation, werden Kontrollen eher engmaschiger eingeplant.

 

Weiterführende Hinweise

  • Beachten Sie zu dieser Thematik auch die folgenden Beiträge der Autorin:
  • „Hygienemanagement in der implantologischen Praxis etablieren und aufrechterhalten“ in PI 10/2017, Seite 18
  • „Das chirurgische Instrumentarium unter dem Aspekt des Werterhalts aufbereiten ‒ so geht‘s!“ in PI 06/2017, Seite 15
  • „Fließende Abläufe in der Chirurgie: Alles ist eine Frage der optimalen Vorbereitung!“ in PI 09/2016, Seite 16